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Die Coaches: Was bedeutet(e) das Lernort-Projekt für Sie, Frau Ladwig?

2009 hat das Land NRW die Initiative „Lernort Bibliothek“ ins Leben gerufen. Mit der Abschlussveranstaltung am 15. Mai 2019 hat die Initiative ihr offizielles Ende gefunden. ProLibis hat das 10-jährige Jubiläum zum Anlass genommen, um noch einmal einen Blick zurück zu werfen. Wir freuen uns, dass wir diese Rückblicke nun auch auf unserem Blog veröffentlichen können. Die Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken NRW bedankt sich herzlich bei allen Mitstreitenden in den vergangenen 10 Jahren und natürlich bei den Autorinnen und Autoren dieser Artikel.


Von Wibke Ladwig

Social Media brachte Unruhe – und das ist gut

Zehn Jahre in der Geschichte der Menschheit sind nicht einmal ein Wimpernschlag. Zehn Jahre im Digitalen machen jedoch einen großen Unterschied. 2009 wurde von der Regierung die Deutsche Digitale Bibliothek beschlossen, als Antwort auf die Digitalisierungsaktivitäten von Google. 2009 wurde der Like-Button bei Facebook eingeführt. Die Kommunikation über Social Media spielte eine große Rolle bei der grünen Revolution im Iran. Im Hudson River in New York gab es eine spektakuläre Notlandung des Fluges 1549, von der sich rasant Bilder via Twitter verbreiteten. Arnold Schwarzenegger war bereits Gouverneur von Kalifornien. 2009 war er mit einer Delegation zu Gast in Hannover auf der Cebit.
Zehn Jahre später. Kollaboratives Arbeiten in gemeinsamen Dokumenten und Speichern von Daten in der Cloud, Streaming von Filmen, Musik, Hörspielen und Büchern, Livestreaming von Veranstaltungen, Apps für die kreative Bearbeitung von Fotos und Videos, Chat-Bots, Sprachassistenten, Künstliche Intelligenz, Smart Home, Virtual Reality: Zunehmend selbstverständlich nutzen Menschen digitale Angebote und den digitalen Raum zum Arbeiten, Lernen, Spielen, Organisieren des Alltags und für die Kommunikation mit anderen. Immer öfter tun sie dies unterwegs und vom Smartphone oder Tablet aus. Aufschlussreich ist die jährlich veröffentlichte ARD/ZDF-Onlinestudie, anhand derer man die Entwicklung der Internetnutzung und die veränderte Mediennutzung der deutschen Bevölkerung gut ablesen kann.
Die Veränderungen in Kommunikationsverhalten und Mediennutzung beeinflussen sowohl direkt als auch indirekt die öffentlichen Bibliotheken. Der digitale Wandel ist umfassend. Im Unterschied zum Telefon etwa, oder zum Auto, beides Erfindungen, die unser Leben in erheblichem Maßen verändert haben, blieb das Digitale doch recht lange unsichtbar. Inzwischen ist das „Internet in der Hosentasche“ dank Smartphone und WLAN selbstverständlich, die Nutzung von Social Media, insbesondere von Messenger-Diensten wie WhatsApp weit verbreitet. Die Initiative „Lernort Bibliothek“ setzte hier schon vor zehn Jahren an: Die öffentlichen Bibliotheken sind nur dann zukunfts-, nein gegenwartsfähig, wenn sie sich das Digitale erschließen. Social Media hat sich hierbei als guter Hebel erwiesen, und das gleich in mehrfacher Hinsicht:

  • Die Nutzung von Social Media schult die Medienkompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
    • Mängel in den Ressourcen vor Ort werden sichtbar, ob mangelhaftes oder fehlendes WLAN oder die Ausstattung mit notwendigen Geräten.
    • Ein Verständnis für Veränderungen in Kommunikation und Mediennutzung entwickelt sich.
    • Kreativität wird freigesetzt.
    • Resonanz auf Aktivitäten der Bibliothek erhöht die Motivation.
    • Ein neuer Zugang zu Wissen und neue Möglichkeiten zum hierarchieübergreifenden Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bibliotheken entstehen.
    • Bibliothek wird da sichtbar, wo Menschen miteinander kommunizieren und nach Informationen, Geschichten und Kontakt suchen.

Doch wo anfangen? Der digitale Wandel ist ein dynamischer Prozess und gerade Social Media wirft in den öffentlichen Bibliotheken viel durcheinander. Sich etwas Neues anzueignen kostet Zeit und bedeutet eine erhebliche Anstrengung. Die Akzeptanz von Social Media wurde erst allmählich besser und es galt für die Bibliotheken, die eigene Rolle in Social Media und die Funktion von Social Media für die Bibliothek zu klären. Die Fachstelle für öffentliche Bibliotheken NRW schuf mit Unterstützung von externen Beratern und Coaches immer wieder neue Ansätze und Angebote, um den Wandel in den Bibliotheken zu unterstützen und voranzutreiben.
„Endlich kann ich mitreden!“
Als ich vor einigen Jahren hinzustieß, entwickelten wir (gemeinsam mit Christoph Deeg) ein zweijähriges Coachingprogramm, die sogenannte #BibReise. Ziel war die Entwicklung einer Leitidee für Social Media, Inhalte waren ein mehrmonatiger Online-Selbstlernkurs, regelmäßige Workshops vor Orts in den Bibliotheken, zwei Barcamps und digitale Betreuung per Facebook-Gruppe. Gerade der anspruchsvolle Selbstlernkurs sorgte für Hader und Verzweiflung. Doch wer dran blieb, wurde belohnt, indem die digitale Welt unversehens keine Black Box mehr war. Plötzlich konnte man mitreden!
Nein, einfach ist die Erarbeitung neuer Technologien und Methoden nicht. Außerdem löst Social Media oftmals bestehende Strukturen auf, wenn interdisziplinäre Teams gebildet werden. Insgesamt betrachtet bringt Social Media also erstmal vor allem Unruhe in die Bibliothek. Und das ist gut so. Denn Wandel bedeutet Bewegung. Wer nicht nur auf Wandel reagieren, sondern ihn mitgestalten will, wird sich bewegen müssen.
Die Fachstelle für öffentliche Bibliotheken NRW hat früh erkannt, dass sich die Bibliotheken bewegen, dass sie sich verändern müssen, ohne die Kernidee einer demokratischen Utopie der Teilhabe zu verraten. Auch die digitale Gesellschaft braucht die öffentlichen Bibliotheken, ob vor Ort oder im digitalen Raum. In Zeiten von Fake News, Kommerzialisierung, Fragmentisierung und gesellschaftlichen Wandel werden die Bibliotheken als Ort der Begegnung und der Ruhe, der Leseförderung und der Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz, als Ort des Lesens, Spielens, Arbeitens und der gelebten Nachbarschaft immer wichtiger.
Zehn Jahre machen einen Unterschied: Die Angebote und Aufgaben der öffentlichen Bibliotheken haben sich in dieser Zeit erheblich erweitert. Einen Unterschied macht auch die Initiative „Lernort Bibliothek“, die öffentliche Bibliotheken und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hierbei begleitet und visionär beflügelt.

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