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Zugänge schaffen, Wissen teilen. – Die „Offene Stadtteilbibliothek“ in Bielefeld Sennestadt.

Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt die Entwicklung Öffentlicher Bibliotheken u.a. durch die finanzielle Förderung von innovativen Projekten. Die Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken NRW stellt in lockerer Reihenfolge interessante Praxisbeispiele aus verschiedenen Förderprogrammen in Form von Gastbeiträgen auf ihrem Blog vor. Der vorliegende Beitrag stellt das Projekt „Zugänge schaffen, Wissen teilen.“ vor. Das Projekt hat den Weg einer Bibliothek zur OPEN-Library und damit zu einem erweitertem Angebot ,nicht nur der Zugänglichkeit betreffend, eröffnet.

Idee und Umsetzung des Konzeptes einer OPEN LIBRARY.

Das Geschäftsmodell der öffentlichen Bibliotheken, das als zeitlich befristete Überlassung urheberrechtlich geschützter Inhalte durch die Ausleihe von Büchern, CDs, DVDs und anderen Medien definiert werden kann, ist einer starken Erosion ausgesetzt. Nicht nur überflügeln die potenten Inhalteanbieter im Internet die Bibliotheken, sondern die Öffentlichen Bibliotheken sind selbst angesichts eines begrenzten Ressourcenaufkommens in der prinzipiell unerwünschten Situation, ihre Angebote wie ein „knappes Gut“ zu behandeln und ihre Nutzung eher zu begrenzen als möglichst liberal zu gestalten. Das spiegelt sich in vielen Aspekten, auch in den zum Teil restriktiven Bestimmungen der jeweiligen Benutzungs- und Gebührenordnungen und nicht zuletzt in einem nicht hinreichenden Umfang der jeweiligen Öffnungszeiten, die eher ausschließenden als inklusiven Charakter haben. Nolens volens sogar in einem Öffnungszeitenregime, das gerade nicht dem Grundsatz folgt, dann geöffnet zu haben, wenn andere geschlossen haben und die Menschen und Familien Zeit für die Bibliotheken haben. Dass die Debatte um die „Sonntagsöffnung“ der Öffentlichen Bibliotheken nicht als Pflicht, aber zumindest als Option und fakultatives Instrument  nicht abreißen will, ist beredtes Zeugnis dieser Situation. Ein Blick in die Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken und in die Handbücher und Fachzeitschriften der 1920er Jahre belegt, dass es nicht immer so restriktiv zuging wie gegenwärtig. Dort wird von regelmäßigen Öffnungszeiten des Abends von 16 bis 20h an Werktagen und auch an Sonntagen berichtet.

Es müssen also Lösungen und Konzepte adaptiert und erprobt werden, die anderenorts gefunden worden sind und dort ihre Tauglichkeit und Funktionsfähigkeit bereits bewiesen haben. Eines ist das Konzept der OPEN LIBRARY, das in Dänemark in zahlreichen Bibliotheken praktiziert wird, und in Deutschland in Hamburg-Finkenwerder und im benachbarten Norderstedt in Pionierinstallationen seit 2014 umgesetzt wird. Dies war die Ausgangslage, die die Stadtbibliothek Bielefeld Im November 2015 zur Antragstellung im Rahmen der Bibliotheksförderung des Landes Nordrhein-Westfalen veranlasste.

Der Standort

Als „Testkaninchen“ einer Offenen Stadtteilbibliothek dient in Bielefeld die Filiale in Sennestadt im Bielefelder Südosten. Sie wurde in den 1950er Jahren in der neu gegründeten Großwohnsiedlung Sennestadt eingerichtet, einer Planstadt, die als Stadt im Grünen und zugleich autogerechte Stadt entstand. Seit 1974 ist sie im ehemaligen Planungsbüro des damaligen Stadtplaners Hans Bernhard Reichow untergebracht. Derzeit wohnen im engeren Einzugsgebiet rund 21.000 Menschen.

Bei Beantragung des Projektes belief sich der Medienbestand auf rund 26.000 Einheiten. Während der Modernisierung und dem Umbau zur OPEN LIBRARY sind rund 5.500 Bände selten oder nicht genutzter Literatur und andere Medien entfernt worden. Rund 1.500 aktive Nutzerinnen und Nutzer sind in Sennestadt registriert; die Ausleihe lag im letzten kompletten Betriebsjahr (2015) vor dem Umbau bei rund 76.000, die Besucherzahl bei rund 35.000. Die Bibliothek ist barrierefrei zugänglich, verfügt über drei stationäre Internetarbeitsplätze, Fotokopierer, ein Schülercenter, Kinder- und Jugendangebot und einen Aufenthalts- und Lesebereich vor allem für Zeitungs- und Zeitschriftenleser. Personell wird die Bibliothek von drei Kolleginnen auf 1,8 Stellen betreut; die Wochenöffnungszeit betrug im November 2015 bei Antragstellung 27 Wochenstunden.

Die Aufgabe

Mit der Erweiterung zur „Open Library“ mussten technische Voraussetzungen geändert und sollten spezifische Ziele umgesetzt werden:

  • Anbindung an die örtlich bestehende, aber nicht die Bibliothek verbindenden Lichtwellenleiterleitung zur schnellen Kommunikation mit dem zentralen Bibliotheksserver,
  • Ausleuchtung der Stadtteilbibliothek mit einem Kunden-WLAN,
  • Selbstverbuchungstechnik bzw. Rücknahmeautomaten (mit „Bio-Sortierung“),
  • Einbau der Einlasskontrolle, der Sicherungsgates und der Videoüberwachung nebst Notfalltechnologie,
  • Sicherung rückwärtiger Räume und anderer dem Publikum nicht zugänglicher Einrichtungsgegenstände,
  • eine deutliche Erweiterung des Serviceangebotes durch zusätzliche nicht personalbesetzte Öffnungszeiten um insgesamt 8 Stunden an vier Wochentagen (das entspräche einer Erweiterung der wöchentlichen Öffnungszeiten von fast 30 %),
  • Ausbau interkultureller Bibliotheksangebote sowohl im Veranstaltungsbereich als auch im Medienangebot für eine sich stetig verändernde Zielgruppe,
  • Einrichtung einer Leselounge mit Kaffeeautomat und Tageszeitungen.
  • Eine attraktivere Stadtteilbibliothek durch technische Modernisierung und mediale Erneuerung. Die Akzeptanz der „Open Library“ wird zudem erhöht, wenn rund 400 neue Medieneinheiten, passend zum Profil der „Familienbibliothek“ nach dem Umbau angeboten werden können.

 Der Umbau

Die Umgestaltung der Stadtteilbibliothek konnte im Frühjahr 2016 begonnen werden. Während der Sommerschließung 2016 wurde vor allem „entsammelt“, Regale gerückt und reduziert, bauliche Maßnahmen umgesetzt (Kabelverlegung und Netzwerkkomponenten, Licht- und Videotechnik) und während dreier Schließungswochen im Herbst 2016 sowie während einer „Endspurtphase“ im Winter 2017 die Zugangs- und Verbuchungstechnik installiert. Der regelmäßige OPEN-LIBRARY-Betrieb begann am 13. Februar 2017.

Der Prozess der Umgestaltung, an dem zahlreiche Gewerke, der Lieferant der Selbstbedienungstechnik und städtischerseits der kommunale IT-Dienstleister und die kommunale Liegenschaftsverwaltung beteiligt waren, wurde politisch durch mehrere Projektvorstellungen in den betreffenden Fach- und Bezirksausschüssen begleitet. Nicht zu unterschätzen sind die Erfahrungen, die die bezirklichen Interessenvertretungen in vielen Großstädten machen müssen, nämlich die Hinnahme eines infrastrukturellen und kulturellen Rückbaus bzw. des Rückzuges städtischer Service- und Freizeitangebote. Deshalb wurde die Einführung personalfreier Zeiten in einer Stadtteilbibliothek als der erste Schritt hin zu einer vollständig personalfreien Bibliothek beargwöhnt. So wie es viele Geldinstitute an ihren Filialen in der Peripherie großer Städte und im ländlichen Raum zum Leidwesen ihrer Kundschaft vorexerziert haben.

Das Ergebnis

Der OPEN-LIBARY-Betrieb begann mit einem gleichgebliebenen Anteil von 27 personalbetreuten Öffnungsstunden, einem personalfreien Montag von 10 bis 20 Uhr, personalfreier Mittagsöffnungszeit von 13 bis 15 Uhr, einem personalfreien Samstag bis 16 Uhr und personalfreien Öffnungsstunden am frühen Abend an Werktagen außer samstags von 18 bis 20 Uhr, die sich zu 29 Stunden aufsummierten. Die jeweiligen Öffnungen und Schließungen des Gebäudes montags und samstags sowie in den Abendstunden übernimmt die Technik und wird Abends durch einen Dienstleister kontrolliert. Der Zutritt ist nur während der Mittagsstunden auch für Jugendliche ab 16 Jahren möglich; ansonsten gilt aus Haftungsgründen die Altersgrenze ab 18.

Im Sommer 2017 experimentierten wir mit einer völlig personalfreien Öffnungszeit an Stelle der üblichen, personalbedingten Sommerschließung. Abgesehen von sporadischen Besuchen und Ordnungsarbeiten durch Mitarbeiterinnen der Abteilung Stadtteilbibliotheken und die üblichen Schließdienste des Bewachungsunternehmens fand keine Betreuung des Standortes statt und dennoch waren keine Störungen zu verzeichnen. Ganz im Gegenteil, die Stadtteilbibliothek wurde im Sommer wegen der unkonventionellen Zugangsmöglichkeiten vor allem als Rückgabestation genutzt.

24/7 nicht, aber 27+43=70

Nach den positiven Erfahrungen der ersten Betriebsmonate und vor allem der völlig problemlosen  Sommeröffnung sind im Herbst 2017 die Öffnungszeiten auf insgesamt 70 Stunden heraufgesetzt worden: 27 Stunden mit Personal, 43 Stunden ohne Personal, wovon 10 Stunden auf den Sonntag von 10 bis 20 Uhr entfallen. Hinsichtlich der Nutzung und der Nutzungsfrequenz gibt es höchst erfreuliche Ergebnisse. So zeigt eine Übersicht über die Nutzungsmonate März bis Dezember 2017, dass 2.851 Personen die OPEN-LIBRARY-Zeiten genutzt haben, rund 19% aller Rückgaben und rund 9% aller Entleihungen fanden während dieser Zeiten statt. Die intensivsten Nutzungszeiträume sind die Mittagsstunden und die Zeit von 18 bis 19 Uhr – Zeiten, in den die Bibliothek nach altem Öffnungszeitenschema nicht zugänglich war. Betrachtet man die reinen OPEN-LIBRARY-Tage, so fallen ein starker Montag auf und eine relativ gleichmäßige Nutzung von 10 bis 20 Uhr. Zwar gibt es  eine leichte Spitze um die Mittagszeit und natürlich eine leicht fallende Tendenz zum Abend hin, die aber nur geringfügig unter der Öffnungsstunde zwischen 10 und 11 Uhr liegt, und somit hinwiederum nicht so gravierender Art ist, als dass sie Anlass gäbe die Abendschließung vorzuziehen. Auch haben sich die Nutzungszahlen für 2017 insgesamt verbessert: 49.249 Besuche und 72.212 Entleihungen. Aber wie man oben sieht, ist in OPEN-LIBARY-Zeiten die Rückgabefunktion fast bedeutender. Interessant ist, dass rund 1/3 der in der Stadtteilbibliothek gemessenen Online-Zeit auf die personalfreien Zeiten entfällt und dies auch ohne Auffälligkeiten.

Fazit

Vorläufig wie all unser Wissen muss auch dieses Fazit ausfallen, da wir nur auf einen Zeitraum von zehn Monaten zurückblicken können. Zum einen ist die Bedeutung der örtlich tätigen Mitarbeiterinnen für die aktive Gestaltung der Kundenbeziehungen, ja man kann sagen für das „community building“ im lokalen Einzugsbereich genauso unverzichtbar wie für die intensivierten Bibliotheksprogramme mit Schulen und anderen Bildungsträgern, zum anderen eröffnen die erweiterten Zugangsmöglichkeiten Menschen den Bibliotheksbesuch und den Bibliotheksaufenthalt, der ihnen sonst verwehrt bliebe. Das klingt trivial in dem Sinne, dass sich das eingestellt hat, was wir erhofft haben, ist aber nicht trivial, weil sich dank digitalisierter Technik Gestaltungsmöglichkeiten ergeben, die im Interesse unseres Publikums nutz- und gewinnbringend eingesetzt werden können.

 

 

 

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Die Stadtbibliothek Bielefeld stellt sich vor:

Als eine der 20 größten Städte Deutschlands, ist die angeblich nicht existierende Stadt doch sehr existent und aktiv! Die Großstadt mit knapp 330.000 Einwohnern, direkt am Teutoburger Wald gelegen, ist einer der Kulturstandorte im Regierungsbezirk Detmold. Neben der Stadtbibliothek sind eine vielzahl von Archiven und Bibliotheken eine ergänzung zu dem vielfältigem kulturellen Angebot der Stadt. Seit 2006 sind die Stadtbibliothek und das Stadtarchiv mit der angeschlossenen Landesgeschichtlichen Bibliothek in einem Amt vereint und seit 2012 befinden sich die Zentralbibliothek, das Stadtarchiv und die Landesgeschichtliche Bibliothek in verkehrsgünstiger Lage am Neumarkt – nahe dem Bahnhof, nahe der Stadtbahn, der lebhaften Altstadt und der geschäftigen Bahnhofstraße. Mit den acht Stadtteilbibliotheken wird das Angebot in die verschiedenen Stadtteile verbreitet.-Die Stadtbibliothek wird durch die 57 Mitarbeiter und mehr als 180 Ehrenamtliche Helfer vertreten. Die Stadtbibliothek Bielefeld pflegt das kulturelle Erbe, gestaltet die Gegenwart und plant für die Zukunft der Nutzer und der Stadt.

Informationen und Auskünfte zum Projekt über die Direktion der Stadtbibliothek Bielefeld unter stadtbibliothek.direktion@bielefeld.de und zur Stadtteilbibliothek Bielefeld-Sennestadt hier: https://www.stadtbibliothek-bielefeld.de/OPEN/Portals/0/PDF/Flyer/FLY_Sennestadt_092017.pdf.

Harald Pilzer M.A.
Stadtbibliothek Bielefeld

Stadtbibliothek am Neumarkt
Neumarkt 1
33602 Bielefeld

Tel: 0521 518136

www.stadtbibliothek-bielefeld.de

1 Comment so far

  1. Thomas Herder

    „Das Geschäftsmodell der öffentlichen Bibliotheken, das als zeitlich befristete Überlassung urheberrechtlich geschützter Inhalte durch die Ausleihe von Büchern, CDs, DVDs und anderen Medien definiert werden kann …“, selten so einen Quatsch gelesen. Wer das geschrieben hat, weiß nicht, was Bibliotheken alles machen.

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